Gib deinen Eltern doch nicht die Schuld, denn ...

Gib deinen Eltern doch nicht die Schuld, denn ...

Beitragvon Freiheit » 27. Jul 2018, 16:35

Lieber Dr. Otto Teischel,

vielen Dank für diesen Ort, den Sie hier weit aufmachen für alle Welt.

Vielen Dank, dass Sie mit uns – der Welt – Ihre unermüdliche Zuversicht, Ihren unerschütterlichen Glauben an einen Menschen, der Mitgefühl für sich selbst und andere entwickeln will, teilen. Denn, so lese ich Ihre Beiträge und sie machen mir Mut und bestärken mich in meiner Reise mit mir selbst.

Ich aber, will heute diesen Ort dafür nutzen, um – im Schutze der Anonymität – meinen Frust und meine Wut über das Unverständnis und das Nichtmitgefühl in meiner unmittelbaren Umgebung sichtbar werden zu lassen. Heute will ich vor aller Welt bezeugen, dass ich auf der Seite meines inneren Kindes stehe. Jenem Kind, das lange gelitten hat. Heute will ich meinen damaligen Schmerz würdigen.

Für diesen Zweck habe ich die Du-Form als Anrede gewählt, weil das in Foren oft üblich ist und ich mich damit auch wohl fühle. Hier bin ich mir unsicher, wie das gehandhabt wird. Gerne nehme ich eine entsprechende Regelung an, wenn diese mir hier mitgeteilt wird. :-)


Liebe Grüße,
Ihre Freiheit



Gib deinen Eltern doch nicht die Schuld, denn sie können nichts dafür!



Liebes Forum, liebe Welt,
mir reicht es.


Deshalb rufe ich:
„Hört endlich auf – mit Eurer ewigen Verdrehung der Wahrheit! Ich kann es nicht mehr hören und nicht mehr lesen!“

Wo ich mich auch hinwende – in Gesprächen mit Familie und Bekannten aus allen möglichen beruflichen Branchen, in Selbsterfahrungsgruppen, in psychotherapeutischen oder in beratenden Gesprächen, in Ratgeberbüchern, selbst in psychotherapeutischen Ausbildungsseminaren – stets höre oder lese ich Worte, die in etwa Folgendes bedeuten:

„Nur nicht den Eltern die Schuld geben. (Du bist ja selber schuld.)“

„Die Eltern sind nicht schuld.“

„Sie können ja nichts dafür.“

„Es ist nicht wahr, dass die Eltern ihre Kinder nicht lieben. Sie bemühen sich doch.“

„Die Erinnerungen aus der Kindheit zeigen nicht die Wahrheit, nur die Sicht des Betroffenen. (Deshalb kann man den Erinnerungen nicht trauen.)“

„Deute die Aussagen des Betroffenen einfach um (… nein, du brauchst ihn nicht ernst zu nehmen) wie z. B.: Aus dem „Alleingelassenwordensein“ mache einfach ein „Selbstständiggewordensein“ und schon ist die Mutter nicht mehr schuld und der Betroffene erhält den Eindruck, etwas Großartiges geleistet zu haben.“

Euch, die Ihr so denkt und so etwas von Euch gebt, Euch sage ich:
„Das ist nicht wahr! Die Eltern, sie sind schuld! Und das Kind ist es, das nichts dafür kann! Das Kind ist es, das unschuldig ist!“

Wenn mein Kind von jemandem geschlagen wird, werde ich wohl kaum ruhig daneben stehen und dann von meinem Kind verlangen, wieder zu diesem jemanden zu gehen und sich vielleicht noch einmal schlagen zu lassen.

Nein, ich würde sofort zu meinem Kind gehen und es schützen und mich zuerst um mein Kind kümmern. Ich würde diesen jemand zur Rede stellen und verlangen, sich bei meinem Kind zu entschuldigen. Ich würde mein Kind nicht mehr zu diesem jemanden gehen lassen, es sei denn, der jemand hätte sein Unrecht eingesehen. Selbst dann würde ich mein Kind nur unter meiner Aufsicht zu ihm gehen lassen. Ich denke, wenn der jemand ein Fremder wäre, würden viele Eltern so handeln.

Wenn aber dieser jemand mein Vater oder meine Mutter war, soll ich als Erwachsene gefälligst schweigen? Und das obwohl ich als Kind weit mehr Schmerz ertragen musste, als nach dem einen Schlag eines imaginären jemands? Ich wurde alleingelassen, abgelehnt und abgewertet. Und da soll ich mich nicht darüber aufregen dürfen? Da darf ich nicht wütend darüber sein, dass mir so viel vorenthalten wurde? Da darf ich mit meinen Eltern nicht darüber reden? Ihnen nicht sagen, wie ich meine Kindheit bei ihnen erlebt habe? Weil es sie ja verletzen könnte?

Herrgott nochmal – was ist mit MEINEN Verletzungen, die SIE mir zugefügt haben? Sind meine Verletzungen denn weniger wert? Ich sage: Nein, meine Verletzungen sind es wert, sie sind wichtig genug, dass ich darüber sprechen darf! Wenn ich für all meine Gefühle als Erwachsene selbst verantwortlich bin, dann sind es wohl meine Eltern mindestens ebenso, nicht wahr? Warum soll ich ihnen nicht sagen, wie ich mich gefühlt habe, als Kind, neben ihnen? Warum soll ich einen Konflikt und einen potentiellen Kontaktabbruch nicht ertragen können? Warum sollen meine Eltern einen Konflikt und einen potentiellen Kontaktabbruch nicht ertragen können?

Meine Eltern sind auch erwachsen. Ich muss sie nicht schützen. Sie können sich selber schützen und – auch sie könnten sich die Arbeit machen und sich mit sich selbst auseinandersetzen, gerade so, wie ich es mache und dann könnten wir eine ganz andere, eine neue Beziehung zueinander entwickeln. Ich habe das Recht über meine Gefühle zu sprechen und über meine Erinnerungen. Tatsache ist, dass meine Eltern für mich als Kind verantwortlich waren. Nicht ich als Kind war verantwortlich für sie. Auch jetzt als Erwachsene bin ich nicht verantwortlich für sie.

Und Himmelhergottnochmal – was ist wirklich so schlimm daran, wenn Eltern und ihre erwachsenen Kinder nicht mehr an den Feiertagen oder noch häufiger um den Tisch herumsitzen, um sich gemeinsam zu überessen, um sich die Birne volllaufen zu lassen und/ oder um sich gegenseitig zu zeigen, wie toll sie doch sind?

Das frage ich Euch einmal, Euch, die Ihr immer so hinausposaunt: „Die Familie – sie ist mir das Wichtigste!“ Klar ist es das, weil Ihr gar nicht ohne sie könnt, weil Ihr sie braucht, für Eure Bestätigung, die Ihr Euch nicht selber geben könnt, weil ihr Euch gar nicht kennt!

Dabei ist es doch die Verbindung zu mir selbst, die mich wahrhaft durch das Leben trägt.

Freilich läge es an den Eltern, eine solche Verbindung im Kind wachsen zu lassen. Doch in der „normalen“ Familie – in der Mehrheit der Familien unserer Gesellschaft also – und auch heute noch, wage ich es zu meinen, dass den Kindern eine solche Verbindung zu ihrem Ureigenen nicht möglich gemacht wird.

Dabei geht es heute, mehr denn je, um den einzelnen Menschen, der zu sich und seinem Frieden finden kann. Wir brauchen starke Menschen, die Zugang zu sich selbst haben und nicht Menschen, die alles tun, um endlich von ihren Eltern oder anderen, die es doch nicht können, geliebt zu werden, die wie Papageien immer wieder das Gleiche sagen, das Gleiche leben. Wir brauchen eine Richtungsänderung. Menschen, die zu sich selber gefunden haben und deswegen keine Gesetze und Regeln, keine Religion oder Gemeinschaft mehr brauchen, um das Richtige, nämlich das Menschliche*, zu tun. Menschen, die gar nicht mehr anders können und es auch gar nicht mehr anders wollen, als menschlich* zu sein. Solche Menschen brauchen wir!

*Mit „menschlich“ meine ich Verständnis und Mitgefühl für sich selbst und andere zu haben. Ich gehe davon aus, dass - wenn ich Verständnis und Mitgefühl habe – es dann selbstverständlich für mich ist, jedem Menschen Freiheit und ein Leben in Würde zuzugestehen.




 Kindheitserinnerungen

Ich sehe ein kleines Mädchen mit blondbrünettem Schopf. Haare, die ihr ins Gesicht hängen, als es vor sich hin patscht, mit kleinen Füßen auf nacktem Linoleumboden. Eine Rauchschwade brennt Tränen aus den großen Kinderaugen, die voller Freude gerichtet sind, auf die Mutter vor sich – sitzend auf einem Stuhl.

Bald, bald wird das kleine Mädchen die Hand ihrer Mutter erreichen. Diese Hand, dieser Arm soll sie aufheben, an sich drücken, es liebevoll streicheln. Oh, wie sehr sehnt sich dieses Mädchen nach Geborgenheit an der weichen Brust! Endlich. Nah ist sie. … Mama, sie, von dem Kind so sehr geliebt. Es greift auf den Oberschenkel ihrer Mutter, dorthin, wo die Hand liegt, das kleine Mädchen reckt ihre Ärmchen nach oben …

… und Mama, … sie ist genervt. Nicht einmal eine Zigarette! Pahh, nicht einmal EINE Zigarette kann sie in Ruhe rauchen. Sie packt das Mädchen, setzt es grob auf ihre Knie, hält es mit ihrer Hand auf Distanz zu ihrem Oberkörper, vielleicht auch auf Distanz zu dem giftigen Nikotin.

Ich sehe, wie das kleine Mädchen weint. Ich spüre Wut über die grobe Behandlung, denn der harte Griff, er tat weh. Ich spüre Enttäuschung, denn das kleine Mädchen bekam nicht die ersehnte, warme Umarmung, die sichere Geborgenheit, sondern – sie bekam ein kaltes Halten voller Widerwillen, eines, das zu ihm sagt: „Ich will dich jetzt nicht bei mir haben.“

Ich merke, wie diese Ablehnung im kleinen Mädchen brennt, wie es die kleine Seele zerreißt. Und niemand ist da, der diesen Schmerz sieht.

Wohin also mit diesem brennenden, reißenden Schmerz?

Dieses kleine Mädchen war ich und ich versteckte den Schmerz in die dunkelste Kammer, in den allerletzten Winkel meines kleinen, unschuldigen Selbst. Noch viele weitere, für mich als Kind nicht auszuhaltenden Gefühle sollten hier ihren Platz finden, ehe ich sie als Erwachsene von hier befreien würde können.

Nämlich - da gab es die älteren Geschwister, gegen die ich mich nicht zu wehren vermochte und Mutter schützte mich nicht – genau so wenig, wie sie meine älteren Geschwister schützte, als Vater sie schlug – mit der Hand, dem Pracker oder gar mit dem Gürtel. Auch Mutter watschte schon mal dann und wann.

Es gab das kleine Baby, das weinte, als es aufwachte und die Eltern fort waren. Ich trug das Baby, voller Verzweiflung, weil ja auch ich nicht wusste, wo Mama und Papa denn hin verschwunden waren.

Ich musste auf meine jüngeren Geschwister aufpassen und ich wurde nicht gefragt. Ich mochte meine Geschwister und ich hasste sie zugleich, weil ich für sie da sein musste, obwohl ich es gar nicht wollte. Und deswegen quälte mich das schlechte Gewissen, denn – so handelte doch keine gute Schwester, nicht wahr?

Und überhaupt – was waren wir für eine tolle Familie! Jedes Wochenende saßen wir mit unseren Tanten, Onkel und Großeltern zusammen. Stets gab es Alkohol. Stets saßen wir im Nebel aus Nikotin und frohem Schein. Manchmal spielten wir Ball, Tischtennis, Karten. Wie kann denn eine Familie glücklicher sein? Wären da nicht die kleinen, spitzen Bemerkungen, der ewige spöttische Blick. Der erhobene Zeigefinger: „Ein braves Mädchen tut so etwas nicht.“ Oder: „Nein, sooo mag ich dich nicht.“ Oder: „Weinen tut man nicht. Was sollen denn die Nachbarn denken?“ Oder: „Bring uns noch ein Bier.“ Und Gelächter. Und Opa lachte: „Hoppa, hoppa Reiter!“ und sagte dann und grunzte dabei: „Ja, das hast du gerne.“ Schnell kletterte ich von seinen Knien.

Ja, der Humor! Wir waren so ein lustige Familie. Jeder machte so oft nur „Spaß“ und wie oft hörte ich: „Sei doch keine Mimose.“ Auch später, als Opa mich anfasste. Wie hätte ich also als falsch erkennen oder mich gar jemandem anvertrauen können, als Opa mich dann, nachdem ich endlich selbst berauscht gewesen war, auszog und anfasste … und ich das Bewusstsein verlor?

Wohin sonst hätte ich – meine Scham danach, meine Schuld – tun können, als in den allerletzten Winkel, in die dunkelste Kammer meines Selbst?




 Antworten, die ich hörte, wenn ich von meiner Schattenkindheit erzählen wollte


Wenn ich höre:
„Es gab ja nicht nur Schlechtes in deiner Kindheit, oder?“

Sage ich heute:
„Nein, dennoch gab es Schlechtes genug.“

Wenn ich höre:
„Die Eltern lieben ihre Kinder.“

Frage ich heute:
„Was bedeutet Liebe für dich?“

Wenn ich höre:
„Nur, weil du zu feige dazu bist, zuzugeben, dass du mit deinem Leben nicht zurechtkommst, müssen jetzt deine Eltern und Großeltern als Entschuldigung für dein Versagen herhalten. Hör auf, deiner Familie die Schuld zu geben! Du allein bist es, die für deine Probleme verantwortlich ist!“

Sage ich heute:
„Ja, ich bin verantwortlich für mich, für meine Gefühle, für die Erfüllung meiner Bedürfnisse. Ich allein entscheide, was mir in meinem Leben wichtig ist, ich allein entscheide, woran ich glauben will. Das ist wahr. Ich alleine bin verantwortlich dafür, wie ich heute mein Leben meistere, wie ich die Probleme meistere, die ich habe.

Und:

Nein, es ist nicht wahr, dass ich für die Entstehung meiner Probleme selbst verantwortlich bin.

Tatsache ist: Es gab keine liebe- und verständnisvolle Umgebung in meiner Kindheit, keinen sicheren Raum, in dem ich mich hätte entwickeln können. Niemand spiegelte mir meine Gefühle, niemand ging auf meine Bedürfnisse ein. Im Gegenteil, viele Gefühle und Bedürfnisse durfte ich nicht zeigen. Von Anfang an bekam ich die Idee mit in mein Leben, dass ich dankbar dafür sein müsse, überhaupt am Leben zu sein. Ich glaubte das, als kleines Mädchen, als großes und noch viel länger.

Heute kenne ich die Wurzel meines Problems: Die fehlende Liebe für mich als Kind. Eine solche Liebe, die wach und beglückt auf mich schaut. Eine Liebe, die mich verstehen will und mich sicher und voller Freude in ihren Armen hält. Eine Liebe, die verlässlich an meiner Seite steht, mich verteidigt und sich für die Erfüllung meiner Bedürfnisse einsetzt. Und weil ich eine solche Liebe nicht erfahren durfte, verfüge ich weder über ein Urvertrauen, das mich an ein Gelingen glauben lässt, noch über die Gewissheit, dass ich in Ordnung bin.

Klar, liegt es nun an mir, als Erwachsene, mich darum zu kümmern, eine solche Liebe für mich zu entwickeln.

Damit mir das aber möglich wird, muss ich vorher nicht nur erst erkennen, woran es mir als Kind mangelte, sondern vor allem auch, dass ich nicht an dem Mangel schuld war. Ich konnte nichts dafür, dass mir meine Eltern und Großeltern nicht geben konnten, was ich so sehr gebraucht hätte.

Es ist wichtig, diese Verrückung – nämlich, dass es an mir gelegen haben soll, dass ich all das erleben musste, weil ich so ein schlechtes Kind gewesen war – wieder zurechtzurücken.

Nein, ich konnte nichts dafür. Es lag nicht an mir. Ich war nicht schuld.

Wie anders ich mich auch immer verhalten hätte, ich hätte in meiner Familie trotzdem diesen spöttischen Blick erlebt, den ich tatsächlich erlebte; es wäre trotzdem über mich gelacht worden, so wie tatsächlich über mich gelacht worden ist; ich wäre alleingelassen gewesen, so wie ich tatsächlich alleingelassen wurde; ich wäre abgewertet und missbraucht worden, so wie ich tatsächlich abgewertet und missbraucht wurde. Ich hätte sein können, wie immer mich die Eltern hätten haben wollen – sie hätten mich trotzdem nicht geliebt (wie oben beschrieben), weil sie eben gar nicht dazu in der Lage waren.

Erst wenn ich das sehe und erst, wenn ich bereit bin, diese schmerzvolle Erkenntnis zu fühlen, kann ich mir selbst verzeihen.

(Die Verwendung des Wortes „verzeihen“ mag hier ein wenig irreführend erscheinen, weil es ja keine tatsächliche Schuld gab, die ich mir verzeihen müsste. Dennoch finde ich das Wort passend, weil ich mich doch so lange – fälschlicherweise – für schuldig befand.)

Erst dann also kann ich mir selbst verzeihen, dass ich nicht geliebt worden bin.

Erst dann kann ich lernen, mir selbst eine liebevolle Mutter, ein liebevoller Vater zu sein, so wie ich sie als Kind schon gebraucht hätte.

Erst dann kann ich mich schließlich mit meinen Eltern, Großeltern und mit meiner Vergangenheit aussöhnen. Erst, nachdem ich für mich eingestanden war und mich damit von meiner Schuld und Wut erlöste. Und erst, nachdem ich die Tränen über das auf ewig Verlorene ausgeweint hatte.

Die Wahrheit ist, wenn ich nicht sehe, dass meine Not als Kind von meinen Eltern, Großeltern und anderen verursacht worden ist, dass sie es waren, die „falsch“ gehandelt hatten und nicht ich die „Falsche“ war, kann ich mich selbst niemals als „richtig“ anerkennen. Wie kann ich mich denn jemals für liebenswert befinden, wenn ich nicht bereit bin, mich aus anderen – liebevolleren Augen zu sehen, als aus denen, die mich als Kind gesehen hatten?

Solange ich denke, ich wäre ein schlechtes Kind gewesen, ich hätte es verdient, nicht geliebt zu werden, stehe ich nicht auf meiner Seite. Solange ich glaube, dass meine Eltern es doch nur gut mit mir meinten, kann meine Wut nicht erlöst werden, kann ich mich nicht auf meine Seite, denn – das hieße auch gleichzeitig – GEGEN ihre Seite, stellen.

Wenn es zwei verschiedene Positionen gibt: Ich, die ich mein Leid spüre und sie, die mein Leid nicht verstehen wollen, kann ich nicht für meine Eltern sein, ohne mich selbst zu verraten. Damit meine ich: Sobald ich mein Leid spüre, wird es mir unmöglich, an die Lebensart meiner Eltern und Großeltern zu glauben und ihren Umgang mit mir als Kind gutzuheißen.

Erst, wenn ich sie mit dem Leid, das sie verursachten, konfrontiere, werde ich erfahren, wie sehr oder wie wenig sie wahrhaftig an mir interessiert waren und sind.

Als ich meine Eltern und Großeltern tatsächlich mit der Schattenseite meiner Kindheit konfrontierte, erntete ich einmal Schweigen und einmal die Schuldzuweisung, sie verletzen zu wollen. Es blieb die Wichtigkeit auf ihrer eigenen Seite zu stehen, ihre Unfähigkeit, dem Kind zu glauben und sich in die Position des Kindes hineinzuversetzen und es blieb ihre Unmöglichkeit selbst Verantwortung für ihre Gefühle zu übernehmen.

Erst durch diese Konfrontation, durch meine Bereitschaft, mich gegen meine Eltern und Großeltern zu stellen, kam ich in einen vertrauensvollen Kontakt mit dem Kind in mir, das einst ein hilfloses Opfer gewesen war, mit seinem Schmerz, seiner Ohnmacht, seiner Wut, aber auch mit seiner Kraft, die alle seinerzeit in die dunkelste Kammer, in den allerletzten Winkel meines Selbst geflohen waren.

Erst diese „Zurechtrückung“ der oben beschriebenen „Verrückung“ ermöglichte mir, eine Stärke zu entwickeln, die das einstige Kind in mir überzeugte, nicht mehr länger ein hilfloses Opfer zu sein.

Denn nun bin ich groß und ich kann mich wehren: Ich kann sprechen, ich kann den Täter erkennen, ich kann die Lüge hören, ich kann Nein sagen, ich kenne meine Gefühle und Bedürfnisse, ich gestehe sie mir zu und ich bin frei, ich habe stets eine Wahl!“





Nun bedanke ich mich bei all jenen, die diesen Beitrag bis hierher und zu Ende gelesen haben. Denn, damit habt Ihr mir Aufmerksamkeit geschenkt. Vielen Dank.

Außerdem fühle ich mich gerade voller Frieden, weil ich glaube, meinem so lange ungesehenen Schmerz Genüge getan zu haben.

Ich hoffe, es ist mir gelungen zu klären, was genau ich damit meine, wenn ich sage: „Die Eltern sind schuld und nicht das Kind.“ Genauso gut könnte ich sagen: „Die Eltern sind für ihr Verhalten selber verantwortlich und nicht ihr Kind.“

Von Herzen wünsche ich mir, dass ich mit dem Teilen meiner Erinnerungen und Ansichten andere darin ermutige, sich auf die Seite ihres inneren Kindes zu stellen und den eigenen Weg zu finden und auf ihm zu bleiben. Ich jedenfalls wünsche Euch immer wieder aufs Neue: Kraft, die Gewissheit, alles Glück der Erde verdient zu haben und Durchhaltevermögen (falls die Gewissheit doch mal wieder bröckelt). Denn – es lohnt sich, wie lange es auch immer dauert!

Erst, seit ich in Berührung mit mir selber bin, kann ich dankbar sein für mein Leben, weil ich nun auch die schönen Seiten kenne. Jetzt erfahre ich jene Erfüllung, um welche ich mich so lange vergeblich bemühte. Jetzt, da ich meinen Wert kenne, fernab von Statussymbolen, attraktivem Äußeren oder beruflichem Erfolg.


Liebe Grüße,
Eure Freiheit


P.S. Falls Ihr hier gerne etwas sagen möchtet, lade ich Euch herzlich dazu ein.
Freiheit
 
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Re: Gib deinen Eltern doch nicht die Schuld, denn ...

Beitragvon Teischel » 29. Jul 2018, 17:52

Herzlichen Dank für Ihren offenen und bestärkenden Beitrag für das Forum.

Wie schön, dass Sie sich Ihre FREIHEIT genommen haben, so klare, eindeutige und berührende Sätze zu diesem brisanten Thema zu formulieren.

Kinder erleben oft noch als Erwachsene diese "Täter-Opfer-Verdrehung", bei der sich die Aggressoren als Opfer hinstellen, die sich der "Tyrannei" ihrer ungehorsamen und undankbaren Kinder zu erwehren haben. Wie im großartigen Film "Das weiße Band" von Michael Haneke, der solche Zusammenhänge thematisiert, behauptet dann z.B. der schlagende Vater (ein Pastor!) obendrein noch gegenüber seinem Sohn, der es wagte, fünf Minuten zu spät beim Abendessen zu erscheinen, es tue ihm mehr weh als dem Kind, wenn er es jetzt mit einer Rute züchtigen müsse, damit es endlich Pünktlichkeit lerne.

Kürzlich ist ein sehr lesenswertes Buch einer Schweizer Philosophin erschienen, das die Beziehung zwischen Eltern und Kindern einmal grundsätzlich aus ethischer Perspektive reflektiert (was z.B. einst I. Kant schon unternommen hatte). Ihre Ausführungen sind auch in klarer, überzeugender Eindeutigkeit formuliert:

Barbara Bleisch, Warum wir unseren Eltern nichts schulden. Hanser Verlag 2018

Vielleicht kann es Ihre so mutig und leidvoll erlangte Freiheit, zu deren weiterer Ausgestaltung ich Ihnen alles erdenklich Gute wünsche, ebenfalls ein wenig bestärken helfen.

Otto Teischel
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Re: Gib deinen Eltern doch nicht die Schuld, denn ...

Beitragvon Freiheit » 30. Jul 2018, 07:05

Lieber Dr. Otto Teischel,

vielen Dank für Ihren bestätigenden Hinweis auf die "Täter-Opfer-Verdrehung" und ein herzliches Dankeschön für ihre Anregungen in Bezug auf den Film und das Buch.

Insbesondere Ihre Wahl des Buchtipps entzückt mich geradezu, könnte der Titel doch nicht besser zu meinem Beitrag passen. Dieses Buch werde ich auf jeden Fall lesen.

Nochmals danke und liebe Grüße,
Ihre Freiheit
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