Gedanken zum Buch "Das falsche Leben" von Hans-Joachim Maaz

Gedanken zum Buch "Das falsche Leben" von Hans-Joachim Maaz

Beitragvon Teischel » 7. Mai 2017, 19:25

Das falsche Leben
Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft

„Der Mann hat Mut ...“ - war meine erste Assoziation zum Titel des aktuellen Buches von Hans-Joachim Maaz. Denn er legt schon damit den psychoanalytischen Finger in die Wunde unserer Entfremdung und hält unserer gesellschaftlichen Realität den kritischen Spiegel vor.

Wer sich nicht darauf einlassen kann, wird die Maaz’sche Analyse gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, sondern für dessen persönliches Vorurteil halten oder als pauschale unwissenschaftliche Behauptung ablehnen. Was allerdings ebenso pauschal wäre und zudem gleich ein deutlicher Hinweis auf jene „normopathische“ Abwehrstrategie, die einer überaus schmerzlichen Wahrheit auszuweichen versucht, die jederzeit und überall spürbar ist und uns längst zunehmend krank werden lässt. Weshalb wir, um in dieser eigentlich unerträglichen Lage irgendwie überleben zu können, das Gegenteil behaupten und tun „müssen“. Ähnlich wie das Singen im dunklen Wald die Angst vertreiben soll, eine „glücklichen Kindheit“ gerade dann behauptet wird, wenn sie tatsächlich ein Alptraum war, oder wir öffentlich noch immer eine „Freiheit“ beschwören, die längst zur nichtssagenden Beliebigkeit verkommen ist und vor allem im globalen Konsum von Waren und Daten besteht.

Bei genauerem Hinsehen erscheinen wir weitgehend fremdbestimmt von einer unbewussten Dynamik, die seit je aus der angstvollen, trostbedürftigen Unbehaustheit des (der) falschen Selbst ersatzweise Normen (Ideologien) hervorbringt, die Macht und Sicherheit vortäuschen und tatsächlich immer tiefer in Sucht und Entfremdung verstricken. Dabei geht es Maaz keineswegs um eine weitere Theorie zur möglichen Überwindung bestehender Gegensätze, oder gar um eine neue psychotherapeutische Strategie zur Heilung persönlicher oder gesellschaftlicher Probleme (Normopathien). Er zeigt vielmehr auf, wie es bereits in frühester Kindheit zur Entfremdung vom ursprünglichen („wahren“) Selbst, von der ureigenen, subjektiven Persönlichkeit des Einzelnen kommt. Wie und wodurch ein Kind in seiner persönlichen Entfaltung „gestört“ und vom eigenen Selbst abgebracht wird und welche Folgen das für sein späteres Leben hat.

Immer ereignet sich die Entwicklung des Einzelnen in den Beziehungen der Menschen: innerhalb einer Gesellschaft, zwischen Eltern und Kindern, bei Paaren und im Verhältnis zur eigenen Person. Der Einzelne flüchtet sich entweder aus verzweifelter Ohnmacht in ein falsches überangepasstes Rollen-Selbst – oder kann sich, unter liebevoll geborgenen Voraussetzungen, zu einem authentischen, beziehungsfähigen, verantwortlichen Selbst ermutigt fühlen, das keiner Normen bedarf, um daran Halt zu finden, und auch keiner süchtigen Illusion von eigener Größe.

Die Entwicklung einer ermutigenden, bestärkenden Beziehungskultur in Familie und Gesellschaft ist das große Thema von Maaz, um damit ein Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen unserem falschen, entfremdeten Leben und unseren normopathischen (süchtigen) Rettungsversuchen zu schaffen. Um aus diesem Wissen unsere Beziehungsverhältnisse so nachhaltig verändern zu können, dass damit womöglich unsere frühen Beeinträchtigungen gemildert und ausgeglichen werden.

Maaz geht dabei ausführlich auf die (Fehl-)Entwicklungen und Normopathien innerhalb der deutschen Gesellschaft(en) ein, deren herrschende politische Ideologien sich in seiner eigenen Lebensgeschichte in gleich drei Diktaturen gezeigt haben. NationalsozialismusKommunismusKapitalismus, die zwar in gegensätzlichen ideologischen Gestalten repräsentiert sein mögen, doch alle von einer strukturell ähnlichen Psychodynamik einer pathologischen (normopathischen) Entfremdung vom eigenen Selbst angetrieben waren. Durch die Kontrolle und Beherrschung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde die Lösung eigentlich intrapsychischer Dramen der Menschen zu erzwingen versucht.

Diese Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft nie aus dem Blick zu verlieren ist das besondere Verdienst der kritischen Psychoanalyse von Hans-Joachim Maaz. Den Zusammenhang zu erhellen zwischen der Gewalt, die Einzelne gegen sich und andere ausüben, und der Gewalt familiärer und gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen diese Einzelnen aufgewachsen sind und durch die immer wieder aufs Neue leidvolle Entwicklungen in Gang gesetzt werden.

Ebenso wie die Frühstörungen in der eigenen Ursprungsfamilie Störungen in unseren späteren Beziehungen zur Folge haben, zu uns selbst, zu anderen Menschen und in unseren eigenen Familien. Solange, bis wir endlich gemeinsam, in solidarischer Verbundenheit, ein Bewusstsein für die wesentlichen Bedürfnisse der menschlichen Psyche entwickeln und daraus eine wahrhaft menschliche Beziehungskultur entwickeln, in der jeder Einzelne seine eigene Persönlichkeit – sein eigenes Selbst – schöpferisch entfalten kann, in Verbundenheit mit allen anderen Menschen, die dieses Interesse teilen.

Dass Maaz im letzten Kapitel des Buches seine eigene „Selbstentfremdung“ beschreibt und in jeder Zeile seines Buches als ebenso erfahrener wie leidenschaftlich engagierter Mensch spürbar wird, der um Wahrhaftigkeit hinter den Kulissen eines „falschen Lebens“ ringt, bezeugt für mich die besondere Glaubwürdigkeit seines Denkens.
Daher kann ich nur jede(n) aufgeschlossene(n) Leser(in) einladen, sich davon inspirieren und ermutigen zu lassen.

...und für alle, die sich weiter vertiefen möchten, hier noch ein Link zur Sendung MAAZ bei Salve-TV, in der das Buch vom Autor selbst vorgestellt wird:
http://www.salve.tv/tv/Weltkanal/18675/ ... sche-Leben
Teischel
 
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Re: Gedanken zum Buch "Das falsche Leben" von Hans-Joachim M

Beitragvon tonton » 28. Jun 2017, 11:37

Guten Tag!

Meinen Einstieg in dieses Forum möchte ich gerne mit einem "Dankeschön" für den Hinweis auf die Lektüre vollziehen.
Ich habe den Artikel nun einige male gelesen und auch den verlinkten Beitrag gesehen.

Kritisch anführen möchte ich, dass einige Formulierungen von Maaz mitunter apodiktisch klingen, andererseits Begriffe verwendet werden, die der Thematik nicht ganz gerecht werden.
So weist Maaz in seiner Buchvorstellung beispielsweise auf "Toleranz" hin, ... ein Begriff, der heute geradezu epidemisch um sich greift.
Dabei wissen wir beispielsweise von Goethe, dass Toleranz lediglich eine "vorübergehende" Haltung sein sollte, der im Idealfalle die Anerkennung folgt.
Auch der Begriff "falsch" klingt mir in diesem Zusammenhang etwas zu ... digital und kann u.U. zu Entmutigung führen.

Ich möchte mit meiner Kritik keinesfalls die Arbeit, vor allem aber nicht das Ansinnen von Maaz abwerten.
Eher das Gegenteil ist der Fall, seine Gedanken über "unseren Zustand" sind mir sehr nah.

Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang auf die Lektüre von Byung-Chul Han hinzuweisen, der, ebenfalls mit einem sehr wachen Blick, gesellschaftliche Entwicklungen beschreibt.
In seiner "Agonie des Eros" spricht er vom "Verlust des Gegenüber", oder eben auch von der "Erosion des Anderen" - diese Sichtweise finde ich, in abgewandelter Form, nicht nur bei Maaz, sondern auch bei Hüther wieder.

Ich freue mich, dass die Dinge in Bewegung geraten!

Mit einem herzlichen Gruß
Johannes
tonton
 
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Re: Gedanken zum Buch "Das falsche Leben" von Hans-Joachim M

Beitragvon Teischel » 16. Jul 2017, 20:06

Lieber Johannes Dressel,

da ich gerade auf Reisen war, unterwegs durch meine alte Heimatregion - dabei u.a. auch Gerald Hüther getroffen habe -, komme ich erst heute dazu, Sie beim Forum zu begrüßen und Ihnen herzlich für Ihre Zeilen zu danken. Auch für Ihren interessanten Hinweis auf den Philosophen Byung-Chul Han, mit dem ich mich künftig gerne einmal intensiver beschäftigen möchte, wozu ich bisher noch gar keine Gelegenheit fand. In der Philosophie habe ich ein wenig den Anschluss verloren, da ich in den letzten Jahren, neben der täglichen Praxis-Arbeit, vor allem mit meiner Zweit-Ausbildung in Psychoanalyse beschäftigt gewesen bin.

Maaz polarisiert durch die Klarheit seiner Stellungnahmen immer wieder, doch sind diese immer auch um Einfühlung und Verständnis für die Position des Gegenüber bemüht. Das wird allerdings deutlicher im persönlichen Gespräch als in der schriftlichen Form, die immer eine Art "Fixierung" ist und dann Widersprüche provoziert.
Da ist sein neues Sendeformat bei Salve-TV eine gute Alternative, zumal in der Art von Zwiegesprächen, wie er sie jetzt hin und wieder führt. Gerade war übrigens Gerald Hüther Gast im Studio und die beiden haben sich sehr inspirierend miteinander ausgetauscht. Vielleicht finden Sie ja einmal Zeit und Muße, hineinzuschauen...

http://www.salve.tv/tv/Weltkanal/18957/ ... hr-werden-
http://www.salve.tv/tv/Weltkanal/18958/ ... losen-Welt

Alles Gute für Sie & schöne Grüße aus Klagenfurt,
Otto Teischel
Teischel
 
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